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Wie eine vergessene Bushaltestelle zur Lieblingsbibliothek der Straße wurde

Als die Linie verlegt wurde, blieb das alte Wartehäuschen stehen. Nachbarn bauten ein paar Regale ein, hängten einen handgeschriebenen Zettel auf und schenkten der Straße einen neuen Treffpunkt.

Von Redaktion quosnemo 2 Min. Lesezeit

Illustration: quosnemo

Nachdem keine Busse mehr kamen, stand das Wartehäuschen eine Weile einfach da: eine Bank, ein Fahrplan für eine Linie, die es nicht mehr gab, und ein Dach, das niemanden mehr vor dem Regen schützte.

Dann schraubte jemand an einem Wochenende ein paar Bretter an die Rückwand und stellte eine Reihe Taschenbücher darauf. Neben dem Fahrplan tauchte ein Zettel auf: Nimm ein Buch, bring ein Buch.

Die Idee kam schneller an, als irgendjemand erwartet hatte. Innerhalb weniger Wochen wurden aus den Brettern richtige Regale, gezimmert aus Holzresten von einem Nachbarn mit einer Garage voller Werkzeug. Im untersten Fach tauchten Bilderbücher auf, gut erreichbar für kleine Hände. Jemand stellte eine Dose mit Lesezeichen dazu, jemand anderes eine Plastikbox, damit die Kochbücher trocken bleiben.

Eine Haltestelle ohne Busse, aber mit vielen Besuchern

Außer dem Zettel gibt es keine Regeln und niemanden, der zuständig ist – und genau das scheint den Reiz auszumachen. Krimis stehen neben Gartenratgebern, Gedichtbände neben alten Reiseführern voller Routen, die heute niemand mehr wiedererkennen würde. Ab und zu kommt ein Buch mit einer versteckten Nachricht für den nächsten Leser.

Das Beste am Wartehäuschen seien aber nicht die Bücher, sagen die Nachbarn, sondern die Gespräche. Menschen, die jahrelang wortlos aneinander vorbeigingen, bleiben jetzt stehen, um einen Roman zu empfehlen oder freundschaftlich über ein Ende zu streiten.

Der alte Fahrplan hängt noch immer an der Wand. Jemand hat unten mit Filzstift eine Zeile ergänzt: Nächste Ankunft – wann immer Sie bereit sind.

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